Zufrieden trotz sinkenden materiellen Wohlstands
Gute Freunde und eine intakte Familie zu haben, ist gut, gutes Geld zu verdienen und wirtschaftlich voran zu kommen, ist für viele besser. Oder weniger zugespitzt: Immaterielle Zufriedenheitsquellen wie Familie, Freunde, Gesundheit, Freizeit sind wichtig, aber sie werden überlagert durch materielle Zufriedenheitsquellen. Folglich dürfte ein anhaltender Rückgang des materiellen Lebensstandards - für den vieles spricht - die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung spürbar dämpfen.
Dies ist ein Ergebnis der Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" des Ameranger Disputs der Ernst Freiberger-Stiftung. Zwar zeigt auch diese Untersuchung, dass oberhalb eines bestimmten Wohlstandsniveaus zusätzliche materielle Gewinne die Lebenszufriedenheit nicht oder nur geringfügig weiter erhöhen. Doch wird zugleich deutlich, dass materielle Aspekte für die Zufriedenheit nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Dies gilt erst recht, wenn der materielle Wohlstand sinkt. Denn Wohlstandsverluste werden einschneidender und nachhaltiger empfunden als materielle Zuwächse. Insbesondere wenn materielle Verluste mit Arbeitslosigkeit, höherer Arbeitsbelastung oder zunehmender Einkommensungleichheit einhergehen, dürften sie zu wachsender Unzufriedenheit - nicht zuletzt mit der politischen Ordnung - führen.
Um dies zu verhindern, sollten Gesellschaft und Politik u.a. darauf hinwirken, dass der materielle Rückgang langsam von statten geht, Mindestniveaus nicht unterschritten, materielle Verluste innerhalb und zwischen den Generationen gerecht verteilt, Beschäftigungslosigkeit vermieden und immaterielle Zufriedenheitsquellen und Lebensziele gestärkt werden.
Konkret schlägt die Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" vor,
- die Bevölkerung über Möglichkeiten und Grenzen künftiger materieller Wohlstandsmehrung aufzuklären, um unrealistischen Erwartungen und Ansprüchen vorzubeugen.
- die Geschwindigkeit etwaiger materieller Wohlstandsrückgänge durch eine ausgleichende Wirtschafts- und Finanzpolitik ohne Anstieg der Gesamtverschuldung zu drosseln versuchen.
- durch verlässliche Mindestsicherungen materielle Untergrenzen abzusichern und dadurch eine allzu große Einkommensspreizung zu vermeiden.
- einen hohen Beschäftigtenstand u.a. dadurch zu sichern, dass die Wirtschaft nachhaltiger, d.h. ressourcenschonender und zugleich arbeitsintensiver produziert.
- das Wohlstandsverständnis u.a. durch eine Ergänzung des Bruttoinlandsprodukts um ökologische und gesellschaftliche Aspekte zu erweitern.
- die Fähigkeit der Bevölkerung, aus immateriellen Quellen wie Gesundheit, gelungene familiäre und andere menschliche Beziehungen Zufriedenheit zu ziehen, zu stärken.
Die Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" ist sich bewusst, dass in einigen Bereichen erheblicher Forschungsbedarf besteht. Sie plädiert dafür, diesen möglichst rasch zu befriedigen.
Der Arbeitsgruppe gehörten folgende Experten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie der Glücksforschung an:
- Professor Dr. Mathias Binswanger
- Professor Dr. Michael von Brück
- Professor Dr. Jan Delhey
- Dr. Friedrich Hinterberger
- Professor Dr. Heiner Meulemann
- Dr. Heinz Herbert Noll
- Professor Dr. Horst W. Opaschowski
- Professor Dr. Karlheinz Ruckriegel
- Professor Dr. Erich H. Witte
Sie wurde von Professor Dr. Meinhard Miegel, Vorstandsvorsitzender des Denkwerks Zukunft - Stiftung kulturelle Erneuerung, geleitet. Die Arbeit wurde unterstützt durch eine exklusive Repräsentativbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach über den Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und Lebenszufriedenheit.
Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" des Ameranger Disputs der Ernst Freiberger-Stiftung, "Zufrieden trotz sinkenden materiellen Wohlstands", 45 Seiten, Amerang 2010.
Download unter: www.ernst-freiberger-stiftung.de



